Chronik

Projekt: Platt sprechen und erhalten über Generationen und Grenzen

Projektträger: Lichtenfelser Plattschwatzgruppe

Gründung: 2018

Sprecher: Friedrich Göge

Vorbemerkung: Um die Lesbarkeit zu vereinfachen, verzichten wir auf gendergerechte Formulierungen. Mit der männlichen Bezeichnung sind alle Geschlechter eingeschlossen.

Geschichte und Aktivitäten

Im Jahr 2018 startete die Waldeckische Landeszeitung die Aktion „Waldecks Wort“. Gesucht wurden Vorschläge für ein typisches Wort aus der Region des Landkreises. Sehr viele Plattwörter aus den verschiedenen Orten wurden eingereicht. Das Ganze kam in der Lichtenfelser Bevölkerung gut an und ließ das Platt wieder ein wenig aufleben. Grund genug, eine „Plattschwatzgruppe“ (schwatzen = sprechen) zu gründen. Einige plattkundige Damen und Herren aus den Ortsteilen trafen sich zunächst in loser Runde zum Kaffeetrinken und „Plattschwatzen“. Bald wurde in Goddelsheim ein erster „Plattschwatznommedach“ (= Plattschwatznachmittag) veranstaltet, bei dem Sketche und Lieder aufgeführt wurden. Dabei wurden Kontakte zu anderen Gruppen im Landkreis und auch über die Landesgrenzen hinaus geknüpft und weitere Pläne geschmiedet.

Dann kam Corona und bremste die Gruppe aus. Ein erneuter Anlauf wurde auf Initiative von Fritz Grosche im Jahr 2023 genommen. Er hatte ein Theaterstück auf Platt geschrieben: „Lechdenfelser Verhältnisse“. Es geht um das Für und Wider des Zusammenschlusses der Ortsteile. In kurzweiligen Dialogen kommen Vertreter der Dörfer zu Wort. In vielen Übungsstunden wurde das Stück eingeübt. Platt zu sprechen ist das eine, vom Blatt abzulesen jedoch etwas ganz anderes. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass es nicht nur kein einheitliches „Platt“ in den Ortsteilen gibt, sondern die Unterschiede sogar bis in die einzelnen Familien hineinreichen. Trotz aller Schwierigkeiten wurde der erste Auftritt beim Kartoffelbraten (= Kulturfest) des Goddelsheimer Kulturvereins im September 2023 in der Martinskirche ein großer Erfolg. Von dem Stück wurden ein Video und eine CD produziert. Das Fest mit dem Motto „Wat nu …?“ war auch der Auftakt für eine sehr gedeihliche Zusammenarbeit der Gruppe mit dem Verein zur Erhaltung alten Kulturgutes Goddelsheim e. V. (kurz: Kulturverein) und dem Männergesangverein. Lieder und Sketche auf Platt wurden vor großem Publikum in der Kirche aufgeführt. Fritz Grosche stellte sein neues Buch „Landei mit Bauernschläue“ vor und las einige Passagen auf Platt. Ebenfalls der Öffentlichkeit vorgestellt wurde die „Plattschwatzdatenbank“. Es handelt sich dabei um eine webbasierte Möglichkeit, Plattwörter in Lautschrift zu erfassen, ins Hochdeutsche zu übersetzen, in einen Beispielsatz einzubetten und – ganz besonders wichtig – in einer Audiodatei zu hinterlegen. Inzwischen haben Mitglieder der Gruppe 2600 Begriffe erfasst. Verschiedene Gruppen aus dem Landkreis arbeiten ebenfalls daran. Es ist geplant, die komplette Datenbank im Internet zugänglich zu machen.

Im Juni 2025 veranstaltete die Gruppe einen öffentlichen Plattnachmittag in Goddelsheim. Vertreter aus Dörfern im Landkreis und aus dem Westfälischen traten mit Sketchen und Wortbeiträgen auf. Höhepunkt war das von der Lichtenfelser Plattschwatzgruppe vorgetragene neue Theaterstück von Fritz Grosche, „Noo der Wool ies för der Wool“ (Nach der Wahl ist vor der Wahl!“, das sich kritisch mit der anstehenden Bürgermeisterwahl in Lichtenfels auseinandersetzt.

Aktuell trifft sich die Gruppe in der Regel einmal im Monat, möglichst häufig in einem anderen Ortsteil. Der letzte öffentliche Auftritt der Gruppe war 2025, beim Dorfjubiläum des Ortsteils Immighausen als Open-Air-Veranstaltung auf einer großen Bühne.

Ziele

Die sogenannte Sprachgrenze zu dem Hessischen und dem westfälischen oder niederdeutschem Platt führt mitten durch Lichtenfels. Daher ist es zugleich wichtig und sehr schwierig, alle Ortsteile unter einen Hut zu bekommen und die Eigenständigkeit der verschiedenen Ortsdialekte zu bewahren.

Intensive und sehr freundschaftliche Kontakte zu den sogenannten „Grafschaftsdörpern“ (…dörfern) im benachbarten NRW mit ihrer wechselvollen Geschichte sollen den grenzübergreifenden Austausch der sprachlichen Eigenheiten fördern. Gleiches gilt für die Kontakte zu verschiedenen Gruppen im Landkreis.

Ziel ist nicht die nostalgische Verklärung der „guten alten Zeit“, sondern den Gebrauch des Platt in unserer modernen Zeit zumindest hier und da zu etablieren. Dabei sind wir uns darüber im Klaren, dass es sich um ein sehr schwieriges Unterfangen handelt. Erste Erfolge stellen sich aber bereits ein. Jugendliche verwenden vermehrt mal einzelne Wörter und auch Formulierungen aus der Platt. Für die Konservierung des ortsüblichen Platt für kommende Generationen ist unsere Datenbank gedacht, welche die Sprache auch für eine große Öffentlichkeit zugänglich macht.

In der Mundart lässt sich manches viel plastischer und treffender ausdrücken als im Hochdeutschen. Es lassen sich Begriffe verwenden, die wegen ihrer Derbheit in der hochdeutschen Übersetzung Irritationen auslösen. Wir würden uns wünschen, dass man Platt auch in den Schulen als Wahlfach anbietet. Ein Mitglied aus unserer Gruppe hat bereits einen Kurs an der Mittelpunktschule Adorf im Nachmittagsunterricht mit Erfolg durchgeführt. Die Zeit drängt! Die „Native Speaker“ sterben aus. Wenn nichts geschieht, bleibt nur die Datenbank als Konserve.

Ausblick

Die öffentlichen Auftritte haben bereits für Zulauf zu unserer Gruppe gesorgt. Leider sind noch nicht alle acht Ortsteile vertreten. Unsere monatlichen Treffen werden aber dazu führen, dass wir mindestens einmal im Jahr in jedem Ortsteil präsent sind. So ist die Hoffnung, auf diese Weise weitere Mitglieder zu gewinnen.

Inzwischen fest etabliert haben sich Beiträge der Gruppe (Sketche, Lieder, Theater) beim jährlichen Kulturfest (Kartoffelbraten) in Goddelsheim.

Wir haben die Hoffnung, vermehrt auch jüngere Aktive zu gewinnen und so „dat Platt“ in Zukunft zu tragen.

(Verfasser: Reinhard Weber, 2026)